Eine Autobiografie stellt Freundschaften auf die Probe

Yok kommt am Sonntag nach Dresden und liest aus seiner Autonomografie – in den Räumen von coloRadio

Wie wirkt sich ein autobiografisches Buch auf Freundschaften aus? Darüber sprach der linke Liedermacher Yok Quetschenpaua mit Jenz Steiner.

Der Musiker und Taxifahrer Yok Quetschenpaua wollte mit dem Aufschreiben seines Lebens nicht mehr länger warten. Aus seiner im Ventil Verlag erschienenen Autonomografie „Nichts bleibt“ Biografie liest er am Sonntag, 19 Uhr im coloRadio-Seminarraum. Das IZ Dresden organisiert die Veranstaltung. Jenz Steiner hat ihn am Telefon in seinem Taxi in Berlin erwischt und im Vorfeld der Lesung für interviewt.

Das Zentralwerk in Dresden Pieschen ist nicht nur Zuhause von coloRadio, sondern auch ein immer beliebter werdender Veranstaltungsort. Jetzt, am Wochenende, den 17. November gibt es wieder eine tolle Lesung. Zu Gast diesmal: ein Mensch, der den Soundtrack geliefert hat für viele Leute, die das Herz am linke Fleck tragen. Ein Mensch, der mit dem Akkordeon unterwegs ist, eine durchdringende Stimme hat und Texte, die durch Mark und Bein gehen, der aber auch Bücher schreibt. Jetzt gerade erschienen – seine Autonomografie „Nichts bleibt“.

Hallo und herzlich willkommen am Telefon – Yok Quetschenpaua.

Yok: Ja, schönen guten Tag.

Was erwartet uns da am Sonntag?

Yok: Ja, ich komme mit meinem Buch angereist. Vor einem halben Jahr ist es erstmalig veröffentlicht worden. Ich habe drei Jahre an dem Buch geschrieben. Das ist so eine Art politische Biografie. Deswegen nenne ich es auch Autonomografie. Es ist eine Lesung, die ich ein bisschen bestückt habe mit musikalischen Einspielern und kleinen musikalischen Noten am Rande.

Wie alt bist Du jetzt?

Yok: Ich werde in Kürze 57.

Jimi Hendrix, Janis Joplin, Curt Cobain, die wären gut beraten gewesen, mit 25 ihr Leben aufzuschreiben.

Yok

Dann ist das doch maximal eine Zwischenbiografie, oder?

Yok: Das wissen wir ja nicht. Die Frage begegnet mir tatsächlich oft, warum ich denn in so jungen Jahren meine Geschichte oder einen Teil meiner Geschichte aufschreibe. Tatsächlich müssen wir ja nur mal an den Klub der Siebenundzwanziger denken. Jimi Hendrix, Janis Joplin, Curt Cobain, die wären gut beraten gewesen, mit 25 ihr Leben aufzuschreiben. Schau‘ Dir den von mir sehr geschätzten Gundermann an. Der ist gerade mal 43 geworden. Ich fand es jetzt mit Mitte 50 nicht zu früh, ehrlich gesagt.

Wie geht man so etwas an, eine eigene Biografie zu schreiben. Ich wüsste gar nicht, wo ich loslegen soll.

Die Castor-Transporte haben im Wendland stets heftige Protestwellen ausgelöst. Die Proteste in Gorleben und Umgebung haben auch Yok stark bewegt und geprägt. Hier eine Aufnahme einer Barrikadenräumung auf der Straße nach Gorleben im Jahr 1996 Foto: Father of Hendrike, Wikimedia Foundation (CC BY-SA 2.5)

Yok: Ich bin chronologisch vorgegangen. Ich habe tatsächlich versucht, mich an meine Kindheit zu erinnern, an meine Jugend. Ich bin da auf ganz viele Geschichten gestoßen, wo ich mit Autoritäten Probleme hatte und habe dann auch ein bisschen herleiten können, warum sich das wie fortgesetzt hat. Ich bin dann in der Friedensbewegung gelandet und habe da einen relativ guten Überblick noch, wann ich wo war, weil ich damals vor 35 Jahren angefangen habe, Musik zu machen und aufzutreten. Einerseits sind es die Orte, an denen ich musikalisch schon war, andererseits sind es die Orte, an denen ich politisch war und wo dann auch große Events waren. Castor-Transport im Wendland oder die erste Demo gegen Atommülltransporte Ende der Siebziger bei mir da um die Ecke oder der IWF 1988. Da hast Du dann so Marker und an denen habe ich mich entlang gehangelt.

Ich möchte tatsächlich auch Werbung machen für eine außerparlamentarische Linke .

Yok

Wenn man ein Buch schreibt oder ein Lied schreibt, hat man ja auch immer Menschen vor Augen, für die man das macht. Wie war das bei Dir? Wen hattest Du vor Augen?

Yok: Ich hatte schon die Szene, in der ich mich weitestgehend bewegt habe, vor Augen. Die hat sich auch verändert. Im weitesten Sinne ist das eine emanzipatorische linke, undogmatische, sagen wir anarchische Szene. Es ist aber auch eine sehr politische und radikale Szene. Dafür mache ich auch Werbung, denn ich bin nicht raus aus der ganzen Geschichte. Es hat sich sicherlich ganz schön verändert von dem, wo ich jetzt genau stehe. Aber ich möchte tatsächlich auch Werbung machen für eine außerparlamentarische Linke, die sich bemüht, an den Verhältnissen zu rütteln oder selbige zum Tanzen zu bringen.

Werfen wir mal einen Blick in Dein Buch. Welche Passagen bewegen und berühren Dich selbst am meisten?

Yok: Ganz ehrlich, das waren bis vor kurzem die Konflikte, die ich in das Buch mit rein geschrieben habe. Da gibt es einen sehr konkreten Konflikt, der sich in Dresden abgespielt hat. Aber dazu will ich hier beim Interview nicht mehr zu sagen. Da werde ich bei der Lesung auch tatsächlich etwas dazu sagen. Das sind Dinge, wo ich auch Szene-intern die eine oder andere Enttäuschung erlebt habe oder wahlweise auch mal irgendwie ein paar Dinger vor die Birne gekriegt habe. Das sind die emotional berührenden Sachen für mich. Aber nach draußen gibt es auch eine Menge Sachen zu erzählen, wo Du irgendwie herum gerannt bist, Aktionen gemacht hast und Dich auf Demonstrationen bewegt hast und auch den einen oder anderen kleinen Erfolg hattest oder so.

Sicher konnten Freundinnen und Freunde von Dir das Buch schon vorab lesen, bevor es im Ventil-Verlag erschienen ist. Hast Du da schon Feedback bekommen?

Yok: Es war ja jetzt schon ein halbes Jahr Zeit, das Buch zu lesen. Es ist ja jetzt ein halbes Jahr draußen. Ich habe es auch vor der Veröffentlichung einigen Freundinnen und Freunden angeboten zu lesen. Sagen wir mal so eine Handvoll davon, also fünf bis zehn haben das wahrgenommen und das Manuskript gelesen, auch im Hinblick darauf, dass ich ja auch mein Umfeld beschreibe und teilweise auch mit Klarnamen und so weiter. Das war auch nicht konfliktfrei. Teilweise habe ich Sachen korrigiert, denn wenn sich zwei Menschen erinnern, werden Sachen immer ein bisschen „wahrer“.

Ich habe mit einigen Leuten jetzt eine deutlich festere Bindung als vorher.

Yok

Aber es sind daran jetzt keine Freundschaften zerbröselt?

Yok: Nee, aber das Buch fängt damit an, dass wir gut daran tun, uns auch nochmal ein bisschen hinzusetzen, auch wenn es ein bisschen weh tut oder anstrengend ist. Das Buch hat genau so eine Einleitung, wo ich mit einem guten Freund am Küchentisch sitze und wir einen alten Konflikt rausholen, der hinten im Buch noch einmal beschrieben wird, wo wir kurz vor knapp waren, dass uns die Beziehung einfach den Bach runter rauscht. Aber es ist nicht passiert. Ich habe mit einigen Leuten jetzt eine deutlich festere Bindung als vorher.

Ist dieses Buch vielleicht auch ein subjektives Spiegelbild der Linken hier, der letzten Jahrzehnte, in Deutschland und in Berlin?

Yok: Ja, natürlich. Auf jeden Fall. Das kann es auch nur sein. Also, wenn ich andere Meinungen und Stimmungen dazu geholt habe und die auch beschrieben habe, so ist das natürlich extrem subjektiv gefärbt, denn ich habe mich ja auch nur in einem bestimmten Spektrum bewegt. Über vier, fünf Jahrzehnte riechst Du in vielen Punkten mal rein, aber vieles bleibt ja auch verborgen und natürlich kann ich nur von dem reden, was ich selber erlebt habe.

Wenn Du selber Musik hörst, was hörst Du da?

Yok: Ich habe immer noch sehr viel Spaß an allem, was sich halbwegs anarchisch auf die Bühne stellt. Wenn ich jetzt spontan einen Bandnamen sagen sollte, dann würde ich sagen: Notgemeinschaft Peter Pan. Die kennt aber kaum jemand. Das ist eine coole, kleine Punkrock-Formation. Die machen vernünftige Ansagen. Die sind halbwegs reflektiert und die Musik macht mir Spaß. Es ist natürlich auch so, dass ich mich an den Größen der Szene freue, wobei ich das immer auch sehr kritisch und skeptisch begleite. Nennen wir einen Namen wie „Feine Sahne Fischfilet“. Ich sage einfach mal, das sind gute Jungs, aber die haben jetzt auch das eine oder andere Problemchen mit der Mainstream-Öffentlichkeit und auch mit dem, wie sie da im Fokus stehen und auch wie sich da Monschi als Sänger da teilweise präsentiert, wo alle ihre Geschichte dazu erzählen, worüber ich jetzt nicht lästern oder herziehen will. Ich begleite das nur mit Respekt, weil sich das sehr antifaschistisch verortet. Aber ist eigentlich nicht das, was mich im Kern total begeistert. Das sind immer noch die kleinen und unbekannten Bands, die mal so vor 50 Leuten rocken und die ich dann mal so zufällig entdecke.

Das Sonnenblumenhaus in Rostock Lichtenhagen, errichtet als Arbeiterwohnheim, Schauplatz rechter Pogrome 1992. In Yoks Autonomografie spielt dieser Ort eine wichtige Rolle. Hier eine Aufnahme von 2019. Foto: Jenz Steiner

Auf Bühnen, auf denen Du früher standest oder häufiger standest, stehen ja jetzt auch so linke Rap-Leute. Kannst Du mit linkem Rap etwas anfangen?

Yok: Ja, klar. Ich habe mit Lena (Stoehrfaktor, Anm. d. A.) zusammen gespielt. Wir kennen uns und wir mögen und schätzen uns auch. Ich habe mittlerweile selber in meinem Programm ein paar Sachen, die ich mit einem Playback, mit ein paar Beats begleite, wo ich dann auch nicht mehr Quetsche spiele, sondern auch rappe, wenn man das so nennen möchte. Ich kann damit sehr viel anfangen, wenn es gut gemacht ist und wenn es inhaltlich passt. Sookee ist da natürlich auch wieder eine Liga höher, da halte ich es schon tatsächlich wieder mit jemandem wie Lena, weil die sehr bodenständig ist. Das ist auch meine Liga, mit einen anderen Genre halt.

Was möchtest Du Deinen Leserinnen und Lesern und den Gästen der Lesung am Sonntag mit auf den Weg geben?

Yok: Erstmal, dass die überhaupt vorbei kommen. Ich kenne das Internationalistische Zentrum überhaupt noch nicht. Ich freue mich über jeden und jede, die kommt und ich glaube, dass der Abend halbwegs unterhaltsam wird. Er hat streckenweise sicherlich auch seine Tiefen und seine nachdenklichen Momente. Das ist eine Mischung aus allem und wer da Bock drauf hat, soll nicht vorm Fernseher hängen bleiben und das Grand Slam of Darts Finale gucken, wie ich es normalerweise getan hätte, sondern zur Lesung kommen.

Sehr gerne. Dann, bis dann.

Ich sprach mit Yok Quetschenpaua, direkt aus seinem Taxi, in seinem Taxi. Am Sonntag, den 17.11., um 19 Uhr ist er im coloRadio Seminarraum. Eine Veranstaltung des Internationalistischen Zentrums IZ. Die Lesung unter dem Motto: Nichts bleibt – Die Quetschenpaua Autonomografie. Das Buch erschien im Ventil Verlag. Danke für das Gespräch und viel Erfolg.

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