Geschichte der freien Radios
Die Geschichte der Freien Radios in (zunächst) Westeuropa ist auch eine Geschichte darüber, welchen Platz Freies Radio in der kapitalistischen Gesellschaft hat. Wollte man sehr stark verallgemeinern, dann könnte man zwischen zwei Polen der Diskussion unterscheiden: Auf der einen Seite diejenigen, die im Freien Radio ein Mittel zur Korrektur des bürgerlichen Medienbetriebs sehen. Von dieser Position aus sind Freie Radios Medien der Gegenöffentlichkeit. In ihnen werden die Medien der Herrschenden (öffentlich-rechtlich und privat-kommerziell) mit ihrer klassen- und interessengebundenen Darstellung der Welt korrigiert und ergänzt. Den anderen Pol in dieser Diskussion bilden diejenigen, die die Abnabelung des Radios von seinen Hörerinnen fordern. Freie Radios müssten demnach autonome Sender sein, die sich gerade nicht auf die Bedürfnisse der “Hörerinnen” beziehen, da es diese zum einen kaum gibt - was es gibt sind viele Hörerinnen mit unterschiedlichen Bedürfnissen, die Konstruktion “des Hörers” ist demnach nur eine Fiktion des Radiomachers zur Durchsetzung seiner Absicht - und zum anderen die Trennung zwischen Hörenden und Machenden zementiert statt aufgeweicht wird.
Als die Freien Radios in der alten Bundesrepublik entstanden, da waren sie vor allem Ausdruck eines Bedürfnisses nach selbstbestimmten Medien. Einer der ersten bundesdeutschen politischen Piratensender war 1975 der sogenannte Piratensender Unfreies Westberlin, dessen Ziel erklärtermaßen darin bestand, “unterdrückte oder verfälschte Nachrichten” zu verbreiten. Freie Radios in den 70er und 80er Jahren wollten Medien der Gegenöffentlichkeit sein. Sie wollten also unterdrückter Nachrichten verbreiten, solche Meldungen, die in den öffentlich-rechtlichen Medien und in Zeitungen nicht zu lesen oder zu hören waren.
Dies ist auch nicht weiter verwunderlich, schaut man sich die gesellschaftlichen Bedingungen an, unter denen Freie Radios in der Bundesrepublik entstanden sind. Ab Mitte der siebziger Jahre intensivierte sich in Westdeutschland die Diskussion um die Einführung des privaten Rundfunks. Immer mehr wurde klar, dass es keinen Weg vorbei an der Nutzung von Hörfunk und Fernsehen durch privat-kommerzielle Betreiber geben würde. Damit wurde zum einen die Selbstverständlichkeit aufgebrochen, mit der die öffentlich-rechtliche Organisationsform als einzig mögliche Organisationsform von Rundfunk gesehen wurde. Zum anderen wurde aber auch die Frage gestellt, wer denn die ökonomische Kontrolle über die Sender ausübe. Das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem, das lange Zeit kaum kritisiert wurde, stand plötzlich zur Disposition. Alternativen wurden überhaupt erst einmal denkbar.
Im Gefolge der Rebellion von 1968 waren neue soziale Bewegungen entstanden, die zunehmend erstarkten. Genannt seien hier die Anti-AKW-Bewegung, die Hausbesetzerbewegung und die Friedensbewegung. Sie alle kamen aber in den öffentlich-rechtlichen Sendern entweder gar nicht vor oder fühlten sich in ihren Anliegen ignoriert, verzerrt oder falsch dargestellt (vgl. Network Medien-Cooperative, 1983: 110). Aus dieser Frustration hatte sich seit Mitte der siebziger Jahre dann auch eine alternative Medienpraxis herausgebildet. In vielen Städten entstanden alternative Stadtzeitungen, Videogruppen und Medienwerkstätten, deren Anspruch es war, der vorgeblich objektiven Berichterstattung der bürgerlichen Medien eine engagierte, auf eigener Betroffenheit beruhende Berichterstattung entgegenzusetzen und die versuchten, das Konzept der Gegenöffentlichkeit umzusetzen.
Bereits seit 1975 gab es in Italien die ersten radios libres, die einen großen Eindruck auf die westdeutsche Linke machten. Bedeutsam für die Wahrnehmung der italienischen freien Sender in Westdeutschland waren vor allem Radio Alice in Bologna und Radio Popolare Milano. Diese Sender füllten das Radio nicht (nur) mit anderen Inhalten, sie brachen sehr weitgehend mit den Prinzipien, wie bis dahin Radio gemacht wurde. Wichtigste Ziele dieser Radios waren dabei (vgl. FRED, 1977, Le Paige, 1977 und Ruoff, 1978): die kollektive Produktion der Sendungen und die Selbstorganisation des Senders, der freie Zugang für Betroffene zum Radio und die Unvermitteltheit der Kommunikation. Erfahrungen konnten so in Italien mit der konkreten Organisation des Hörers als Lieferanten des Radios gemacht werden. Voraussetzung für diese Beteiligung war aber, dass es soziale Auseinandersetzungen in Italien gab, die einen Bedarf nach (auch medialer) Kommunikation erzeugten.
Diese Erfahrungen wurden zwar theoretisch reflektiert, jedoch kaum praktisch auf bundesdeutsche Verhältnisse übertragen. Für die Praxis westdeutscher freier Radios wurden vielmehr die kritischen Medientheorien von Bertolt Brecht (1932/1975) und Walter Benjamin (1934/1966), Hans Magnus Enzensberger (1970/1997) sowie Oskar Negt und Alexander Kluge (1972) wichtig. Während Brecht und Benjamin einen Weg aufzeigten, wie sich das Medium (so bei Brecht) beziehungsweise der Autor (so bei Benjamin) zu verändern hätten, versuchte insbesondere Enzensberger, das Medium durch Unterwanderung zu verändern. Negt & Kluge setzten auf die Produktion einer proletarischen Öffentlichkeit. Allerdings blieben die westdeutschen Intellektuellen Enzensberger, Negt und Kluge noch hinter den politischen Einsichten von Brecht und Benjamin zurück. Insbesondere die kritische Medientheorie von Enzensberger zeichnet sich durch eine sehr große Nähe zu den bestehenden Medien aus, bricht mit den bürgerlichen Medien wie mit der kapitalistischen Gesellschaft vielleicht rhetorisch, jedoch nicht grundsätzlich. Enzensberger, und Negt / Kluge wollten die bürgerlichen Medien umgestalten oder einem emanzipatorischerem Gebrauch zuführen.
In der Sendepraxis orientierten sich die existierenden Freien Radios meist am Konzept der Gegenöffentlichkeit. Vorrangig in den 90er Jahren ist das jedoch immer mehr in die Kritik gekommen und war immer weniger für die Praxis freier Radios handlungsleitend. Das Konzept der Gegenöffentlichkeit orientiere sich an den bürgerlichen Medien, würde dessen Inhalte nur spiegeln, kritisiert zum Beispiel die Amsterdamer Autorengruppe Bilwet um Geert Lovink. “Das Ziel bestand in Korrektur und Ergänzung.” Sie nennen die Medien der Gegenöffentlichkeit die alternativen Medien. (vgl. Agentur Bilwet, 1993: 44-45). Im Unterschied dazu lösten sich die eigenen Medien von den bürgerlichen Medien. Sie glaubten nicht mehr daran, so die Agentur Bilwet, dass die Leute nur die Wahrheit gesagt bekommen müssten, damit sie anfangen könnten zu handeln. Sie nähmen sich das Recht zu senden, ohne sich an den bürgerlichen Medien zu orientieren und diese ständig korrigieren zu wollen.
In ihrer Auseinandersetzung mit der Praxis von Radio Alice in Bologna verwirft auch Katja Diefenbach das Modell der Gegenöffentlichkeit, da es sich auf die Inhalte von Kommunikation konzentriere und es in diesem Modell darum gehe, richtigere, wahrere Informationen zu verbreiten (Diefenbach, 1998: 66). Die Form des Gesagten sei aber genauso wichtig wie die Botschaft, da die Sprache selbst nicht nur ein Mittel, sondern “Machtformation” sei (1998: 68). Radio Alice habe drei wichtige Debatten eingeführt. Erstens die Debatte um das Radio als Sender der Bewegung, in dem die Akteure selbst zu Wort kommen (1998: 71). Zweitens die Debatte um Sprache als Praxis, also um die praktische Bedeutung dessen, wie im Radio gesprochen wird (1998: 72). Und drittens die Debatte um die Informatisierung der Gesellschaft als kapitalistischen Prozess, in dem Information zur Ware wird (1998: 79). Marcel Stötzler geht in seiner Analyse des Sprachgebrauchs im Freien Radio von der Unterscheidung Humboldts zwischen einem Geschäftsgebrauch der Sprache, in dem Sprache als Zeichen gebraucht wird, und einem rednerischen Gebrauch der Sprache, in dem sie eine Sprache des Verstandes und des Gefühls ist, aus (Stötzler, 1998: 7). Der rednerische Gebrauch der Sprache sei die Sprache des Feierabends und der befreiten Zeit und müsse daher auch die Sprache des Freien Radios sein. Nur ein ungenauer Sprachgebrauch böte die Möglichkeit der Subversion und zur Abweichung. Daraus ergeben sich für Stötzler folgende Schlussfolgerungen für die Praxis Freier Radios (1998: 8):
Medienpraxis ist eine Dimension gesellschaftlicher Praxis und muss sich daher fragen, welchen Beitrag sie zur Überwindung des Kapitalismus leisten kann. Die Stärke Freier Radios besteht darin, dass sie Knotenpunkte zwischen linken Praktiken sind. Daraus entstehe eine Praxis, deren Qualität ihre subversive und produktive Unschärfe ist. Freies Radio sei daher im Humboldtschen Sinne “der Sonntag des Sprechens.”
Zusammenfassend lässt sich aus diesen Überlegungen ableiten, worin das emanzipatorische Potential Freier Radios vor allem bestehen könnte: Zum ersten bietet Freies Radio die Möglichkeit zur Entzauberung des Mediums Hörfunk. Indem Freies Radio vorführt, dass jede Radio machen kann, dass jeder ein Experte des Alltags ist, nimmt es dem Radio in seiner herkömmlichen Form die Aura des allwissenden, immer Recht habenden Mediums. Zudem zeigt Freies Radio, wie Radio gemacht wird und entblößt damit seine Techniken, auch die der Manipulation und Verzerrung: Freies Radio kann den Akteuren das Wort geben und durch die Einbeziehung der Hörer Debatten initiieren. Über Ereignisse wird nicht aus einem anderen Blickwinkel berichtet, sondern es wird darüber von denjenigen berichtet, die Akteure dieser Ereignisse sind. Freies Radio ist kein Stellvertreter gesellschaftlicher Kräfte, sondern es erteilt diesen Kräften selbst das Wort. Es ist nicht wichtig, über eine Arbeitslosendemonstration zu berichten, viel wichtiger ist es, dass die Arbeitslosen selbst dies tun. Eine solche Praxis hat zur Konsequenz, dass auch die Sprache des freien Radios sich grundsätzlich von der anderer Radios unterscheidet.
Die Sprache des freien Radios ist die Sprache des Alltags, nicht die Sprache des Geschäftsgebrauchs. Während letztere darauf angewiesen ist, ihren Gegenstand möglichst genau und eindeutig zu bezeichnen, keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, lebt ein freies Radio gerade von einem ungenauen Sprachgebrauch, der das Nicht-Ganz-Verstehen und das Missverständnis einkalkuliert. Erst dies ermöglicht eine produktive Auseinandersetzung mit den Inhalten des freien Radios. So sendet ein freies Radio keine abgeschlossenen Botschaften, sondern Anstöße für eine Auseinandersetzung, die weitergeführt werden muss. So erledigt sich dann auch die Debatte um die Objektivität oder Subjektivität eines freien Radios. Freies Radio ist gnadenlos subjektiv. Aber nicht subjektiv im Sinne einer redaktionellen Linie, sondern immer wieder subjektiv einen anderen Standpunkt einnehmend, je nachdem, wer gerade spricht. Diese Subjektivität wird vor den Hörenden nicht verschleiert. Sie ermöglicht ihr bzw. ihm gerade, sich mit den Positionen der Sendenden auseinander zu setzen.
Freies Radio bietet also keinen alternativen Journalismus an, der den Hörenden zwar sagt, was richtig und was falsch ist, nur eben anders als die anderen Radiosender. Freies Radio macht gar keinen Journalismus. Es verändert hingegen grundsätzlich das Verhältnis zwischen Hörerinnen und Macherinnen. Ein Freies Radio ermöglicht einen Zugriff der Hörer auf das Medium selber. Erstens, indem die Hörerinnen prinzipiell jederzeit zu Macherinnen werden können. Zweitens, indem die Rückkopplung der Hörer in die Sendungen eingeplant ist. Und drittens, indem das Radio selbst in der Verfügungsgewalt von Macherinnen und Hörerinnen liegt.
Was nützen diese theoretischen Überlegungen in der alltäglichen Praxis Freier Radios? Vergleicht man diese Überlegungen mit Untersuchungen der Praxis Freier Radios heute (vgl. zum Folgenden im Detail Pinseler, 2001), so kann man feststellen, dass Freie Radios zu einem schlechteren Teil Machtstrukturen in ihren Sendungen reproduzieren. Dies geschieht etwa in den zumindest bei bundesdeutschen Freien Radios weitverbreiteten klassischen Interviews. Zum anderen ermöglichen sie aber eben auch ein Sprechen im Radio, das zumindest ansatzweise eine Gleichberechtigung der an einer Radiosendung Beteiligten zustande zu bringen in der Lage ist. Wenn die Chance Freier Radios heute darin besteht, dass in ihnen das Unsagbare sagbar ist, dass sie zum Knotenpunkt verschiedener linker Praxen werden können, dass sie den Menschen Macht über Kommunikationsprozesse geben können, dann muss eine Form des Sprechens im Radio aktiv gefördert werden, die dies auch ermöglicht. Das heißt: die bessere Radiomacherin ist nicht diejenige, die das Thema am besten rüberbringt, sondern diejenige, die die an einem Thema Interessierten zusammen und dazu bringt, gemeinsam eine Sendung zu machen, über das Thema im Radio zu diskutieren und andere in dieses Gespräch mit einzubeziehen.
Daher muss ein Freies Radio seine Aktivistinnen Freier Radios dazu befähigen, nicht vordergründig selbst bessere Sendungen zu machen, sondern anderen das Mikrofon aufzudrängeln, die Personen ins Radio zu holen, die aktuell etwas zu sagen haben oder etwas bewegen wollen. Schon 1977 schrieb die FRED, die italienische Vereinigung demokratischer Radiosender dazu:
“Es ist nicht wichtig zu berichten, daß in der Soundso-Schule das Direktorzimmer besetzt gehalten wird; sondern wichtig ist, daß die Schüler, die die Aktion durchführen, es selbst sagen und sich beim Sprechen gleichzeitig über den Sender hören.” (1977:141). Diese Praxis müssen wir ausbauen. Andere Themen sind inzwischen auch in anderen, bürgerlichen Medien eingebunden und werden so häufig ihres letzten gesellschaftskritischen Potentials beraubt. Dieses gesellschaftskritische Potential können die Freien Radios ihnen nur zurückgeben, wenn sie den Menschen ihre Sprache auch im Radio zurückgeben. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass die Aktivistinnen Freier Radios ein Sprechen im Radio aktiv befördern, dass Beteiligung ermöglicht und herausfordert.
Literatur (Hinweis: Eine ausführliche, kommentierte und aktualisierte Literaturliste findet sich unter www.freie-radios.de)
Agentur Bilwet (1993): Medien Archiv. Bensheim & Düsseldorf.
Benjamin, Walter (1966): Der Autor als Produzent, in: ders.: Versuche über Brecht. Frankfurt am Main, S. 101-119.
Brecht, Bertolt (1975): Der Rundfunk als Kommunikationsapparat, in: ders.: Gesammelte Werke, Bd. 18. Frankfurt am Main, S. 127- 134.
Diefenbach, Katja (1998): Die Liebe zu den sprechenden Mikromedien. 5-Minuten-Radiotheorie der Bewegung, in: klipp & klang Radiokurse (Hrsg.): kurze Welle — lange Leitung. Zürich, S. 63-79.
Enzensberger, Hans Magnus (1997): Baukasten zu einer Theorie der Medien. München.
FRED - Federazione Radio Emittenti Democratiche (1977): Thesen zur Theorie und Praxis der demokratischen Sender. Diskussionspapier der FRED zum nationalen Kongreß, Mai ‘77, Rom (Auszüge), in: alternative, 20. Jg., H. 114/115, S. 141-143.
klipp & klang Radiokurse (1998) (Hrsg.): Kurze Welle - lange Leitung. Texte zur Radioarbeit. Zürich
Le Paige, Hugues (1977): Die “Freien Sender” in Italien. Wer spricht für wen?, in: alternative, 20. Jg., H. 114/115, S. 130- 135.
Negt, Oskar & Alexander Kluge (1972): Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit. Frankfurt am Main.
Network Medien-Cooperative & Freundeskreis Freie Radios Münster (Hrsg.) (1983): Frequenzbesetzer. Arbeitsbuch für ein anderes Radio. Reinbek.
Pinseler, Jan (2001): Sprechen im freien Radio. Eine Fallanalyse zu Möglichkeiten alternativen Hörfunks, in: Medien & Kommunikationswissenschaft, 49. Jg., H. 3, S. 369-383.
Ruoff, Robert (1978): “…und da haben die Leute gemerkt, daß das Instrument wichtig und interessant ist.” Zu den demokratischen lokalen Radiosendern in Italien, in: Ästhetik und Kommunikation, 9. Jg., S. 5-21.
Stötzler, Marcel (1998): Der Sonntag des Sprechens, in: karoshi, Heft 3, S. 4-9

1 Kommentar ↓
1 Andreas // Jun 8, 2008 at 13:42
Sich bei Freien Radios auf die Bedürfnisse der Hörerinnen und Hörer einzustellen, birgt die Gefahr, doch wieder nur “Konsumentenbedürfnisse” zu befriedigen bzw. aufzubauen. Es gibt nun einmal auch Wahrheiten, die nur wenige gern hören.
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