Die Basis und der Überbau
Wie jede andere komplexe Struktur braucht ein Freies Radio Organisation und die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen. Wie diese Struktur konkret aussieht, wird aber durch die Grundsätze eines Freien Radios festgelegt. Um die Grundsätze der Organisation und Entscheidungsfindung soll es im Folgenden gehen.
Die einzige Möglichkeit eines Freien Radios, seine Freiheit zu wahren, ist, sich auf allen Ebenen selbst zu verwalten. Es wird also keinerlei Kuratorien mit Vertretern von wem auch immer, keinerlei Aufsichtsräte oder andere externe Kontrollgremien geben. Die aktiv Produzierenden — egal ob sie Technik bauen, Sendungen moderieren oder den Müll wegbringen — sind diejenigen, die im Radio das Sagen haben. Die Gesamtheit aller Radiomacherinnen muss letztlich immer das letzte Wort haben. Nun ist ein Freies Radio vor allem für alle die da, die in den sonstigen Medien kaum selbst zu Wort kommen oder die dortigen Zwänge ablehnen. Ein Freies Radio wird also aus sehr verschiedenen Menschen bestehen. Insbesondere aus Menschen, die viel Zeit in das Radio stecken und dies auch können, und anderen, die diese Zeit nicht haben, vielleicht nur einmal im Monat auftauchen, weil ihr sonstiges Leben so voller Zwänge (Arbeit, Familie, Freunde, Armut etc.) steckt, die ihnen mehr Beteiligung am Freien Radio nicht erlauben. Eine wirkliche Selbstverwaltung muss all diesen eine tatsächliche Mitbestimmung garantieren. Wenn dies nicht mehr der Fall ist, werden die Geschicke des Radios nur noch durch die gelenkt, die es sich zeit- und geldmäßig leisten können. Das hätte natürlich klare Auswirkungen auf Programm und Ausrichtung des Radios.
Die Garantie einer tatsächlichen Möglichkeit zur Beteiligung aller sind also klare, übersichtliche und verbindliche Strukturen. Entscheidungen dürfen nicht informell getroffen werden, nicht in irgendwelchen Privatmauscheleien ausgemacht werden. Aber natürlich können nicht alle Entscheidungen durch die Gesamtheit aller Radiomacherinnen getroffen werden. Das würde die Arbeit völlig lahmlegen. Deshalb ist die Wahl und das Einsetzen von Gremien mit genau verteilten Zuständigkeiten unvermeidlich. Allerdings sollte jedes gewählte Gremium durch die Gesamtheit der Radiomacher jederzeit wieder abwählbar sein.
Wie könnten solche Strukturen nun also aussehen? Im Wesentlichen fallen in einem Freien Radio drei Gruppen von Aufgaben an: (1) grundsätzliche Entscheidungen, die das gesamte Radio betreffen, (2) redaktionelle Aufgaben, die die einzelnen Sendungen betreffen, und (3) tägliche Verwaltungsaufgaben und die Organisierung des Sendebetriebes. Ein Vorschlag zur Lösung dieser Aufgaben ist in nebenstehendem Schema verdeutlicht.
Die grundsätzlichen Entscheidungen sollten durch die Vollversammlung aller Mitglieder des Radios gefällt werden. Dabei sind mit “Mitgliedern” die Mitglieder des Vereins gemeint, der auch die Lizenz hält. Alle ständigen Redakteure und sonstige Aktive des Radios sollten also Mitglieder dieses Vereins werden. Die Mitgliedschaft im Verein stellt eine gewisse Verbindlichkeit der Beteiligung am Radio her. Der Verein sollte allerdings insbesondere darauf achten, dass er keine Karteileichen anhäuft. Denn bestimmen sollen die, die sich auch aktiv am Radio beteiligen. Zu den grundsätzlichen Entscheidungen zählt auch die Entscheidung über die grundlegende Programmstruktur. Das heißt, für welche Art von Sendungen und welche Redaktionen wird prinzipiell wieviel und zu welcher Zeit Sendezeit vergeben. Und damit sind wir bei den redaktionellen Dingen.
Das Zusammenwirken zwischen dem gesamten Radio und den Redaktionen wird wahrscheinlich immer eine schwierige Sache sein. Denn zum Einen ist das Gesamtradio natürlich für alle seine Sendungen verantwortlich, zum Anderen aber sollen die Redaktionen frei und für sich arbeiten. Vor allem muss ein freier Zugang für willige Sendungsmacherinnen garantiert werden, der keinerlei Zensur übt. Allerdings hat das gesamte Radio natürlich immer das Recht, Schwerpunkte zu setzen. Eine Möglichkeit, das zu realisieren, wäre, nach der Entscheidung über die grundlegende Programmstruktur eine Sendekommission zu wählen, die im Prinzip über die Vergabe und im Notfall auch über den Entzug von Sendeplätzen im laufenden Betrieb entscheidet. Diese Sendekommission hat natürlich eine sensible Aufgabe. In sie sollten auf jeden Fall Leute mit Fingerspitzengefühl gewählt werden, und gerade ihre Entscheidungen müssen durch die Vollversammlung jederzeit revidierbar sein. Sind die Sendungen dann einmal vergeben, arbeiten die jeweiligen Redaktionen allerdings in eigener Regie. Die Sendekommission hätte wohl auch noch die wichtige Aufgabe, die radiointerne und -externe Sendungsdiskussion und Sendungskritik zu organisieren. Gerade diese Diskussion sollte aber auch auf der Vollversammlung aller Redaktionen stattfinden, sie wäre eine extrem wichtige Versammlung, um den inhaltlichen Gesamtzusammenhang des Radios zu gewährleisten.
Der dritte Aufgabenkomplex, nämlich die tägliche Organisierung und die Verwaltung, fällt der Betriebsgruppe anheim. Sie besteht sowohl aus Ehrenamtlichen wie Angestellten des Radios, kümmert sich um Buchhaltung, Fördergelder, Technikwartung etc. Auch sie sollte durch die Vollversammlung gewählt werden, einschließlich der Angestellten. Denn bezahlte Arbeit in einem Freien Radio sollte keine ganz gewöhnliche Lohnarbeit werden. Auch die Angestellten sollten einen Bezug zum Radio außerhalb ihrer Anstellung haben. Sie müssen weiterhin mit den Ehrenamtlichen zusammenarbeiten. Genug aktive Ehrenamtliche allein können garantieren, dass die Beschäftigten nicht auf Dauer die tatsächliche Kontrolle über den Verein übernehmen. Und prinzipiell werden Menschen nur für nichtredaktionelle Tätigkeit angestellt. Die Redaktionsarbeit ist prinzipiell unbezahlt. Sonst wird immer die Gefahr drohen, dass bezahlte Redakteure schließlich einen großen Teil des Programms kontrollieren. Das zerstört den freien Zugang zum Radio.
Der Erfolg eines Freien Radios wird zu einem wesentlichen Teil davon abhängen, inwieweit es eine Balance zwischen Offenheit und Verbindlichkeit findet. Es muss immer die Offenheit bestehen, dass Leute Sendungen machen ohne sich gleich fester ans Radio zu binden. Künstler vor Ort werden das Radio vielleicht gerne immer wieder mal für Sendungen nutzen, aber sie wollen eben ihre Kunst machen und sich nicht in die Struktur des Radios einbringen. Solchen Leuten darf man es nicht unnötig schwierig machen. Auf der anderen Seite müssen diejenigen, die das Radio tragen, auch eine gewisse Verantwortung für das gesamte Projekt eingehen und können nicht nur nach Lust und Laune verfahren. Daher auch die vorgeschlagene feste Mitgliedschaft in einem Verein. Das schließt auch das Zahlen eines Mitgliedsbeitrages zur Finanzierung des Radios ein. Die festen Mitglieder sollten sich dann auch bemühen, neue Leute im Radio für dauernde Aufgaben zu gewinnen, oder auch Menschen auf Spenden für das Radio anzusprechen. Die Freiheit des Radios für alle seine Macherinnen, egal ob sie eine Stunde im Monat oder drei Stunden jeden Tag im Radio verbringen, wird nur durch eine verbindliche und klare Arbeit der ständigen Mitglieder gewährleistet sein. Denn das Freie Radio soll nicht nur aus bereits Aktiven bestehen, sondern es soll Menschen in Aktivitäten verwickeln.

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