“Und plötzlich stand tatsächlich dieser Typ vor dem Studio und hat tatsächlich das geklaute Fahrrad in der Hand, um es wieder zurückzubringen.”
Axel hat die Welt nicht mehr verstanden, im August 2007. Irgendjemand hatte sein Fahrrad geklaut, einfach so, wahrscheinlich aus Spaß.
Auf jeden Fall war es weg und das mitten in der Oberlausitzer Steppe, knapp 120 Kilometer östlich von Dresden, wo Axel sonst wohnt und bei coloradio Sendungen fährt.
Zu hause wäre jetzt alles zu spät gewesen: Ist so ein Rad mal weg, bleibt es ist weg, wer sucht hat zu viel Zeit zum Ärgern.
Doch Axel war nicht zu Hause und hatte die Idee, im Radio nach seinem Rad zu fahnden. Per Aufruf, über die UKW-Veranstaltungsfrequenz 95,7 Megahertz, die gerade von einer Radioinitiative namens “Seefunk”, genutzt wurde, um das lokale Licht-Klang-Festival Transnaturale zu übertragen. Offensichtlich mit Erfolg, Denn kurze Zeit brachte jemand das Rad klein laut zurück, äußerlich zwar unbeschädigt, aber innerlich bestimmt froh, sein künftiges Leben nicht im Lausitzer Braunkohlerevier fristen zu müssen.
Seefunk wird auch dieses Jahr wieder auf eine Woche Sendung gehen und über die Transnaturale berichten. Wahrscheinlich werden auch 2008 wieder mehr Leute zu hören, als bei anderen Sendern, die von Laien produziert werden.
Warum das Programm in der Provinz so gut ankommt, weiß Oliver Zweinig, einer von zwei Seefunkinitiatoren auch nicht so genau. Vielleicht macht es die Mischung: Denn Seefunk ist ein Surrogat aus Freiem Radio und Bürgerfunk. Initiiert von den Kulturmanagement-Studenten Oliver Zweinig und Josepha Dietz, produziert von gestandenen Freie Radio-Machern aus Dresden und diversen Nutzern der sächsischen Variante des Offenen Kanals. Jeder bringt das ein, was er kann. Die Vertreter des freien Radios sorgen dafür, dass das Programm nicht allzu beliebig wird, die Beiträge der Bürgerfunker sind meist technisch besser, dafür fehlt ihnen ab und an der Tiefgang.
Das sorgt durchaus für Ärger. So hatten die Bürgerfunker im letzten Jahr die Produktion der stündlichen Nachrichten übernommen und lasen brav das ab, was Angela Merkel den Nachrichtenagenturen ins Mikro sprach. coloradio, was einen Teil der Sendungen übernahm, blendete sich daraufhin aus dem Programm aus und kam erst wieder zurück, als die Nachrichten vorbei waren. “Wir konnten nicht anders”, so Martin Busche, damals für coloRadio vor Ort. “Wir verstehen uns als Teil der Gegenöffentlichkeit, da haben solche Nachrichten keinen Platz.”
Dem eigentlichen Sendebetrieb ist stets ein mehrtägiger Workshop vorgeschaltet, der Radiolaien das ABC des Rundfunks vermittelt. Themen sind neben der reinen Medienpädagogik auch klassische Themen freier Radios wie Medienkritik, Medienanalyse und Gegenöffentlichkeit. Auch hier müssen prallen Gegensätze aufeinander, allerdings konstruktiv. Denn die Workshopleiter der freien Radios und des Bürgerfunks werden von einem Berliner Radioprofis unterstützt. Das kann schief gehen, wie im letzten Jahr, als ein Mann vom MDR engagiert wurde und keinen rechten Zugang zum Laien-Publikum fand. In diesem Jahr kommt jemand von Radio Eins aus Berlin, der es nur besser machen kann.
Die Workshopleiter werden sogar bezahlt Kulturmanagement-Studenten haben Fundraising gelernt und kennen da wenig Schmerzen. Zweinig und seine Kollegin sind das ganze Jahr unterwegs, Geld aufzutreiben: Von Stiftungen, der sächsischen Landesmedienanstalt, den sächsischen Offenen Kanälen und freien Radios: coloRadio hat im letzten Jahr für eventuelle Ausfälle gebürgt und die Sendetechnik gestellt. Das macht sich bezahlt: Seefunk residierte in einer ausgedienten Schule mit viel Platz für all die Sendeanlagen.
Die Idee für den Seefunk ist Zweinig 2006 gekommen, damals hat er bei den Radiorevolten von Radio Corax aus Halle mitgeholfen und zwischendurch krampfhaft nach einer Praktikumsaufgabe für sein Görlitzer Kulturmanagment-Studium gesucht. Da bietet sich die Neugründung so eines Festivalsender wie Seefunk natürlich an. Der braucht Gelder, dessen Akquise als angewandtes Fundraising anerkannt wird. Die Mühen der Bürokratie werden Kulturmanagementstudenten auch in späteren Jobs überwinden müssen. Und ohne die eigentlichen Macher eines Radioprogramms geht bekanntlich auch nichts. Herausgekommen ist die Mischung aus Freien Radio und Bürgerfunk.
Die trägt nun auch ins zweite Jahr. Träger des Seefunks ist mittlerweile der gemeinnützige Verein Festivalfrequenz e.V., der 2008 über insgesamt vier Festivals in Ostdeutschland berichtet.
“Das ganze ist ein Experiment”, glaubt Zweinig, “unser Radio ist im Fluss, klingt halt so wie seine Macher.” Mal mehr nach freie Radio, mal mehr nach Bürgerfunk. Hört doch mal rein.” Martin Busche
Mehr Infos über die Festivalfrequenz unter www.festivalfrequenz.de
Für die Workshops im August und September werden noch Teilnehmer gesucht.

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