Der Baum in der Stadt

Ein Besuch bei den Stadtbaumtagen 2017 in Tharandt.

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Forstbotanischer Garten Tharandt

Die Stadtbaumtage sind jährlich ein Treffpunkt für Menschen, die beruflich mit Bäumen zu tun haben: Leiterinnen von Baumschulen, Mitarbeiter der Umweltbehörde oder von Ingenieurbüros.
coloRadio war am 16. und 17. März in Tharandt und hat sich spannende Vorträge über Bäume in der Stadt angehört.
Ab April hat der Forstbotanische Garten wieder geöffnet.

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Skript zum Beitrag:

Man muss früh aufstehen, wenn man nach Nordamerika möchte.
Dafür nehme ich den Zug. Denn soweit ist es ja nicht:

O-Ton RB30

Nach knapp 20min Fahrt bin aus Dresden hinaus nach Tharandt gefahren. Die Stadt liegt beschaulich im Weißeritztal umgeben von viel Wald. Beste Voraussetzungen für Heinrich Cotta, der hier im Jahre 1811 die Forstlehranstalt gründete.
Es ist kühl, denn die Sonne hat es um halb sieben noch nicht über die talbegrenzenden Berge geschafft. Generell scheint hier wenig Sonne im Winterhalbjahr. Dafür muss man schon aus dem Tal hinaus. Da möchte ich auch hin: In den Forstbotanischen Garten in Tharandt.

O-Ton Pietzarka

…sagt Dr. Ulrich Pietzarka. Er ist der wissenschaftliche Leiter des Forstbotanischen Gartens und am Institut für Forstbotanik und Forstzoologie der Technischen Universität Dresden als Dozent tätig. Gemeinsam mit Professor Andreas Roloff und den anderen Mitarbeitern des Insitituts organisiert er die Dresdner Stadtbaumtage. Jedes Jahr im März treffen sich dazu in Tharandt rund 150 Menschen, die beruflich mit Bäumen zu tun haben. Leiterinnen von Baumschulen, Mitarbeiter der Umweltbehörde oder von Ingenieurbüros.
Man kommt ins Gespräch, trifft sich wieder und hört Vorträge, die sich um den Baum in der Stadt drehen und Aktuelles aus Forschung und Technik vermitteln.

Dabei gleicht die Beziehung von Stadt und Baum eher einer Hass-Liebe als einem harmonischen Miteinander. Der Baum soll einerseits Schatten spenden, die Luft von Schadstoffen wie Feinstaub filtern und im Herbst mit kräftiger gold-gelber Laubfärbung ein echter Hingucker sein. Aber andererseits: Wenn dann das Laub herunterfällt, stört es die Anwohner. Die Bäume müssen regelmäßig gepflegt werden, damit morsche Äste rechtzeitig erkannt werden, bevor sie beim nächsten Sturm abbrechen. Das ist teuer. Und muss ein Baum wegen Pilzbefall komplett gefällt werden, gründen sich Bürgerinitiativen, um das Ableben des Baumes mit allen Mitteln zu verhindern.
Natürlich: Der Mensch braucht den Baum. Und doch fragt die Bürokratie „Was hat der Baum in der Stadt zu suchen? Gehört er nicht in den Wald?“ Professor Roloff meint dazu:

O-Ton Roloff

Gibt es Bäume, die schon von Natur aus mit dem Klima der Stadt zu recht kommen?

O-Ton Roloff

Könnte man sich Bäume für das Stadtklima zurecht züchten?

O-Ton Roloff

Auf dem Dresdner Neumarkt standen im Herbst 2016 einige Betonwände mit Moos und solarbetriebener Selbstbewässerung, aufgestellt durch die Technische Universität Dresden. Kann man den Baum durch den Einsatz Technik ersetzen?

O-Ton Roloff

Neben einer rein technischen Lösung gibt es auch die Möglichkeit, mit nachwachsenden Rohstoffen die Natur nachzubauen. Frau Dachsel vom Planungsbüro stowasserplan macht dies mit der so genannten „Ingenieurbiologie“.

O-Ton Dachsel

Aber bei einer Renaturierung wird im Allgemeinen ein Zustand hergestellt, der einem Zustand vor dem Eingriff des Menschen in dieses System entspricht. Kann das nicht auch erreicht werden, wenn man das Gelände einfach den Naturgewalten überlässt? Warum betreibe ich dann die Renaturierung aktiv?

O-Ton Dachsel

Und wie fallen die Reaktionen auf die Ergebnisse aus?

O-Ton Dachsel

Die Bürgerbeiteiligung beim Stadtgrün wurde auch angesprochen. In den Büros der städtischen Behörden und Planungsfirmen hat sich herumgesprochen, dass eine umfängliche Kommunikation mit den Anwohnerinnen und Anwohnern Prozesse beschleunigen und Kosten sparen kann. Mittlerweile informiert das Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft in Dresden über Pressemitteilungen und bei Vor-Ort-Terminen über ihr Vorgehen und mögliche Fällungen. Auch Baumscheibenpatenschaften sind gern gesehen. Dabei kümmert sich die Patin oder der Pate um die Einfassung der Bäume und pflanzt und pflegt dort eigene Blumen oder andere kreative Ideen der Begrünung.
Dresden beteiligt sich seit einigen Jahren auch am sogenannten GALK-Test. GALK steht für: GartenAmtsLeiterKonferenz. Ein Treffen von Grünflächenämtern diverser deutscher Großstädte.
Bei dem Test soll herausgefunden werden, welche Baumarten sich für das extreme Klima in der Stadt eignen. Schließlich machen Trockenstress, Bodenverdichtung, Wurzelschäden, Salz, Schadstoffe von der Straße, Sonneneinstrahlung und Hitze den Bäumen das Überleben sehr schwer. In regelmäßigen Abständen wird beim GALK-Test gemessen, wie groß der Baum und wieviel er neu zugewachsen ist. Des weiteren werden auch der optische Gesamteindruck, die Gesundheit der Blätter und ein möglicher Schädlingsbefall bewertet.
Erweist sich eine Baumart dabei als besonders resistent gegen das extreme Stadtklima, wird sie eher für eine Neupflanzungen vorgeschlagen.

Im Forstbotanischen Garten stehen Bäume aller Arten, die auch in unseren Breiten überleben können. Wie helfen die Forschungsergebnisse aus dem Forstbotanischen Garten bei der Suche nach solchen Bäumen, die den Anforderungen der Stadt standhalten können?

O-Ton Pietzarka

Für den GALK-Test müssen also noch weitere Bäume von verschiedenen Ursprungsstandorten eingesetzt werden.

Neben all der technischen und emotionsfreien Forschung nach überzeugenden Ergebnissen ist der Forstbotanische Garten aber auch eine Pilgerstätte für Menschen, die Bäume lieben. Wann ist denn die beste Zeit, um den besondern Bäumen in Tharandt einen Besuch abzustatten. Sicherlich immer, oder? Frage ich noch einmal Ulrich Pietzarka:

O-Ton Pietzarka

Am 2. April startet der Forstbotanische Garten die Saison mit einer öffentlichen Führung.

O-Ton Pietzarka

Achja. Warum verschlug es mich eigentlich nach Nordamerika? 2003 wurde der Forstbotanische Garten um einen Nordamerika-Teil erweitert. Die hier gepflanzten Bäume stehen in voller größe aber ähnlich einem Miniatur-Park angeordnet wie auf einer Nordamerika-Karte jeweils dort, wo die dazugehörigen Samen gefunden wurden und bilden Waldbilder mit naturnaher Durchmischung, Struktur und Vielfalt.
So gibt es im Süden die Appalachen, mittig sind die Great Lakes und im Norden hat man einen herrlichen Ausblick von den Rocky Mountains auf das im Tal liegende Tharandt. Kleine im Park verteilte Info-Tafeln erklären allgemeinverständlich die Baumarten und über ein dichtes Wegenetz kann man schnell von der West- an die Eastcoast spazieren.

Der Forstbotanische Garten ist von April bis Oktober jeden Tag (außer freitags) von acht bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.
Alle Infos gibt es auch unter www.forstgarten.de

Frühstücksradio vom 29. Januar 2017
Sondersendung: Buchmesse Leipzig 2017

Über Kreischa Live!

Kreisch Live! sind zwei (plus x) junge Menschen, die in Dresden studieren und die es ab und zu ins Radio verschlägt.
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2 Kommentare zu Der Baum in der Stadt

  1. antje sagt:

    cool!

  2. Kreischa Live! sagt:

    Danke 🙂

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